Eine Frau voller Vertrauen, Liebe und Freude

Szenische Lesung mit Texten der von den Nazis ermordeten niederländischen Jüdin Etty Hillesum

Die von den Nazis ermordete Jüdin Etty Hillesum ist eine beeindruckende Frau und steht zu Unrecht etwas im Schatten ihrer berühmteren ebenfalls ermordeten Zeitgenossin Anne Frank, die wie sie in den Niederlanden lebte. Auch Etty Hillesum hat ein Tagebuch geschrieben, das ein Zeugnis von tiefem Glauben und großer Menschenfreundlichkeit in einer schlimmen Zeit ist. Organisiert von der Sokratischen Gesellschaft fand im Ingolstädter Kolpinghaus am 19. März eine Lesung aus den Tagebüchern statt, kommentiert von Wolfgang Osiander von der Katholischen Erwachsenenbildung Ansbach und musikalisch gestaltet von der Würzburger Musikgruppe „Allegro ma non troppo“, die Klezmermusik spielte, eine ursprünglich aus dem Osteuropäischen Raum stammende jüdische Volksmusik. Die Texte lasen das Schauspielerpaar Claudia Dölker und Hartmut Scheyhing.

 

In seiner Begrüßung stellte der erste Vorsitzende der Sokratischen Gesellschaft Prof. Dr. Christian Tornau die Frage in den Raum: „Den Mord an Jüdinnen und Juden nicht vergessen – wie geht das?“ und gab zur Antwort, man müsse Zeitzeuginnen und Zeitzeugen zu Wort kommen lassen, die die Dramatik und Tragik dieses Geschehens hautnah miterlebt haben, so Etty Hillesum. Am 9. März 1941 begann sie mit ihren Tagebuchaufzeichnungen. Die Niederlande waren bereits seit 1940 von Nazideutschland besetzt. In dieser Zeit lernte Etty Hillesum den Psychoanalytiker Julius Spier kennen, einen Schüler von C. G. Jung. Er hatte sie wohl zum Tagebuchschreiben inspiriert. Etty Hillesum glaubte an einen Gott, der in ihr lebt – ganz in der Tradition des heiligen Augustinus und auch von C. G. Jung, der ja auch in seiner Lehre das göttliche Selbst kennt.

Das zweite Jahr des Tagebuchs, 1942, war ein Schicksalsjahr für die jüdische Bevölkerung der Niederlande. Ab dem 29. April mussten die Juden den Judenstern tragen. In ihrem Tagebuch schreibt Etty Hillesum über die Behinderung ihres Lebens durch die Besatzer. Gleichzeitig beginnt sie eine Liebesbeziehung mit dem Psychoanalytiker Spier. Doch auch ihr Glaube wächst: Etty Hillsusm begibt sich auf die mystische Suche nach Gott. Trotzdem, der Hass der Nazis auf die Juden lässt sie nicht kalt. Für die Besatzer ist ein Jude kein Mensch, notiert sie in ihr Tagebuch. In dieser Situation macht sie die Erfahrung, dass sie auch dem Leiden einen Platz einräumen muss und fragt nach dessen Sinn, sucht Wege es zu integrieren. Etty Hillesum will dies realisieren in der bewussten Annahme von Entbehrungen, im Lernen von Verzicht und Abschied zu nehmen. Und in dieser Annahme wächst dann ihr Vertrauen, wirklich alles zu ertragen, auch getragen von der Hoffnung, dass dieses Leiden einmal ein Ende hat. Mit ihrem Tagebuch will sie Zeugin sein für die kommende Generation. „Es müssen doch einige überleben, ich möchte Chronistin dieser Zeit sein“, schreibt sie. Doch erlebt sie in dieser Bedrängnis auch eine ganz besondere Freiheit: „Ich fühle mich in niemands Zwängen, allein in Gottes Armen.“ Auf die Besatzer verspürt Etty Hillesum keinen Hass. Sie ist bereit, das Unabwendbare anzunehmen, in der Überzeugung, dass das Letzte uns nicht genommen werden kann. Aber sie fühlt eine tiefe Solidarität mit ihren verfolgten Leidensgenossen: „Kann ich glücklich werden, wenn ich verschont bleibe?“, fragt sie. Doch Etty Hillesum will auch Gott helfen, damit er wieder einen Platz in ihr selbst bekommt. Wenn wir Gott helfen, dass er in uns ankommt, helfen wir uns im letzten selber schreibt sie und schließt mit den Worten: „Es ist das einzige, auf das es ankommt: ein Stück von dir in uns selbst zu retten, Gott.“

In den letzten Monaten ihres Lebens arbeitet sie im Amsterdamer Judenrat mit, eine wie Wolfgang Osiander es ausdrückte „perfide“ Einrichtung der Nazis, in der Juden mit den Machthabern kollaborieren mussten. Doch Etty Hillesum sah hier eine Chance, anderen Juden zu helfen und ihnen Trost zu spenden. Deswegen übernahm sie als Judenratsmitarbeiterin die Aufgabe der sozialen Versorgung der Aussiedler im Durchgangslager Westerbork, von wo aus die holländischen Jüdinnen und Juden in Richtung Auschwitz abtransportiert wurden.

In ihren letzten Monaten wird ihr Glaube an Gott noch tiefer. Sie erfährt ihn als universelle Liebe und denkt an Augustinus, dessen Bekenntnisse im letzten Liebesbriefe an Gott waren – und für sie ist Gott der einzige, an den ein wahrer Liebesbrief adressiert werden kann. In ihr wächst so auch die Liebe zum anderen. „Man möchte ein Pflaster sein auf vielen Wunden“, schreibt sie, die Bedrängnis der Juden im Blick, die ins Vernichtungslager abtransportiert werden.

Und auch im Angesicht des Todes sagt sie immer noch: „Das Leben ist schön!“ In der letzten Notiz, die uns von ihr erhalten ist, eine Postkarte, die sie aus dem Todeszug Richtung Auschwitz geworfen hat, nachdem sie am 7. September 1943 abtransportiert wurde, schreibt sie: „Wir haben dieses Lager singend verlassen“, und dankt allen, die sich lieb um sie gekümmert haben. Zuvor erwähnt sie noch eine Bibelstelle, die sie aufgeschlagen hatte: „Der Herr ist meine hohe Burg.“ Am 30. November 1943 wurde Etty Hillesum in Auschwitz ermordet.

Man kann dankbar für diese Lesung sein, die Etty Hillesum in ihren vielen Facetten, als Frau der Lebensfreude, der Nächstenliebe und des Glaubens an Gott angesichts eines grausamen Todes zeigte, eine Frau, die gerade auch unserer Zeit, in der viele Menschen sich mit Sorgen und Zukunftsängsten auseinandersetzen, etwas zu sagten hat. 

 

Text: Raymund Fobes | © KFI Fotos
19.03.2026

Prof. Dr. Christian Tornau, 1. Vors. Sokratische Gesellschaft

Allegro ma non troppo

Claudia Dölker und Hartmut Scheyhing

Wolfgang Osiander

Spiegelsaal Kolpinghaus

Marion Schneider, 2. Vors. Sokratische Gesellschaft

Donaukurier Nachberichterstattung