Vortrag im Spiegelsaal

Aufschlussreiche Einblicke in das weite Land der Unbegrenzten Möglichkeiten

Nordamerika Experte Klaus Benesch sprach in der Kolping Akademie über die USA. Seit dem Amtsantritt von Donald Trump als Präsident der USA ist Amerika in aller Munde – vielleicht mehr denn je. Viele sind unsicher, wohin die Vereinigten Staaten mit ihrem Präsidenten und seinem Gefolge steuern. Die Kolping Akademie griff mit einem Vortrag am 26. Februar dieses Thema im Spiegelsaal des Kolpinghauses auf. Referent war der Amerikanist Klaus Benesch und gekommen war eine Vielzahl von interessierten Hörerinnen und Hörern.
Prof. Benesch, Stephanie Kühn, Dr. Jochen Wagner

Benesch, ehemaliger Direktor der Bayerischen Amerika Akademie und bis 2022 Lehrstuhlinhaber für Nordamerikastudien an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität, erwies sich als hervorragender Kenner der Nordamerikanischen Geschichte sowie der heutigen Situation in den USA. In seinem Referat zeigte er, wie sehr das Denken und Handeln der Menschen in den Vereinigten Staaten aus der Historie eines Landes zu begreifen ist, das sich vor fast 250 Jahren die Unabhängigkeit erkämpft hat und lange als Prototyp für Toleranz, Weite und Freiheit galt. Dass dieses Bild allerdings verzerrt, ja sogar trügerisch ist, zeigte Benesch in seinem Vortrag sehr deutlich. So wies er auf die Politologin Hannah Arendt und ihr Buch „On Revolution“ (Über die Revolution) aus dem Jahr 1963 hin, in dem sie die Amerikanische Unabhängigkeitsbewegung analysierte und zu interessanten Ergebnissen kam. Die Einwanderer in Nordamerika hätten sich gegen die britischen Aristokraten erfolgreich durchgesetzt, doch der revolutionäre Geist verblasste bald. Als Grund dafür sieht Arendt die Priorisierung der Privatinteressen. Das Glück des einzelnen Individuums stand mehr und mehr im Vordergrund. So entwickelte sich in den USA ein wirtschaftsliberales System, letztlich ein entfesselter Kapitalismus. in dem im Grunde jeder sich selbst der Nächste war und ist. Insofern ist auch der scheinbare Wettbewerb zwischen den Demokraten und den Republikanern tatsächlich ein Scheinwettbewerb, zumindest was wirtschaftliche und soziale Fragen angeht. Denn keine der Parteien will an dem radikal kapitalistischen System rütteln.

Für den US-amerikanischen regimekritischen Schriftsteller und Philosophen Henry David Thoreau (1817-1862) wurden die USA mit ihrer Unabhängigkeit zwar von einem politischen Tyrannen befreit, jedoch wurden sie sodann zum Sklaven eines wirtschaftlichen und moralischen Tyrannen. Thoreau zog aus diesem Grund die Konsequenz, keine Steuern zu zahlen, weil er damit die Sklaverei im Land finanzierte, was ihm einen kurzen Gefängnisaufenthalt einbrachte.

Andererseits wurde gerade auch in Deutschland ein Mythos über den freien und toleranten Geist in den USA entwickelt, nicht zuletzt durch Johann Wolfgang von Goethe, der 1827 in einem Gedicht schwärmte „Amerika du hast es besser“. Die USA erfuhren Bewunderung, weil Menschen ganz unterschiedlicher Mentalitäten und Nationalitäten dort offenbar friedlich miteinander lebten und auch Minderheiten anerkannt wurden. Es gab Religionsfreiheit, und auch Atheisten hatten nichts zu befürchten.

Tatsächlich gab es aber doch in den USA einen Konkurrenzkampf, in dem der Stärkere am Ende den Schwächeren beherrschte. Ein besonderes Privileg hatten immer die Einwanderer Europäischer Herkunft. Dieser Respekt vor Europa wurde auch in der Rede von Außenminister Rubio bei der Sicherheitskonferenz in München im Februar 2026 deutlich, wo er die europäische Kultur in den höchsten Tönen lobte. Hingegen betonte der afroamerikanische Schriftsteller James Baldwin (1924-1987) in seiner Schrift „The fire next time“, dass die weißen Amerikaner die gefährlichsten seien, ständen doch sie für Rassismus und das Recht des Stärkeren.

Entscheidend für den Mythos USA ist auch, wie Benesch zeigte, die Weite des Landes, die gerade in den Hollywood-Western immer thematisiert wird. Von Ost nach West wurde das Land erobert und von den Einwohnern besiedelt. Wenn Menschen sich nicht verstanden, zogen sie weiter, so dass jeder nach seiner Fasson selig werden konnte. Doch auch dieses Bild ist trügerisch. So stellte Franz Kafka mit seinem unvollendeten Roman „Der Verschollene“ – zunächst veröffentlicht mit dem Titel „Amerika“ - diesen Mythos in aller Deutlichkeit in Frage. Da geht es um einen Siebzehnjährigen, der ein Dienstmädchen geschwängert hat und nun von den Eltern in die USA geschickt wird. Nachdem er zunächst bei einem reichen Onkel lebt und von ihm wegen eigenmächtigen Handelns verstoßen wird, trifft er immer wieder auf Menschen, die ihn schamlos ausnutzen, sodass er, obwohl er immer weiter zieht, keinen festen Boden unter den Füßen bekommt.

Nach diesem geschichtlichen Überblick, der allerdings viel Aufschluss darüber gab, wie die US-Amerikaner heute denken, lenkte Benesch in der nachfolgenden Diskussion auch den Blick auf Donald Trump. Thema war vor allem das augenscheinliche Paradoxon, dass dieser immer noch erfolgreich ist, obwohl er sich permanent mit falschen Lorbeeren schmückt und eiskalt lügt. Dabei findet er wohl deshalb Anerkennung, weil er unaufhörlich betont „ America first“ und zusagt „We make America great again.“ Damit bedient er das in den USA sehr gegenwärtige Gefühl, ein von Gott auserwähltes Volk zu sein. Trump wurde so gerade von denen gewählt, die sich übergangen fühlen und das, obwohl sein Vorgänger Joe Biden soziale Reformen in die Wege leitetet, die sein Nachfolger wieder zunichtemachte.

Natürlich gibt es auch Kritik im Land, und so kam im Publikum die Frage auf, welche Möglichkeiten es gibt, Trumps Politik zu boykottieren. Benesch nannte eine Möglichkeit, die vor allen Dingen von den Bürgern praktiziert wird, die an den Grenzen zu Kanada wohnen: einfach im benachbarten Ausland einkaufen.

Am Ende gab es viel Applaus für den Referenten und als Geschenk ein besonderes Lebkuchenherz mit der Aufschrift „Die Kolping Akademie“.

 

Raymund Fobes
26.02.2026